Zuerst stand sie in meinem Zimmer bei meinen Eltern, zwischen Schulbüchern und den ersten Dingen, die ich mir selbst ausgesucht hatte. Als ich zu studieren begann, kam sie mit. Nach dem Studium zog sie noch einmal um und bekam in meiner eigenen Wohnung einen festen Platz im Wohnzimmer.
Sie bestand aus mehreren Bausteinen: einem CD-Player mit MASH-Schriftzug, zwei Kassettendecks, einem Verstärker und Lautsprechern, die nicht nur gut klangen, sondern auch wie richtige Lautsprecher aussahen. Keine kleine schwarze Box, die möglichst unauffällig unter einem Fernseher verschwinden wollte. Die Anlage sollte gesehen werden. Vielleicht haben ihr die Umzüge nicht gutgetan. Wahrscheinlich war sie irgendwann einfach alt.
Eine Anlage, die mitzog
Damals hörte ich Musik anders. Da waren eine CD oder eine Kassette, die Anlage, ein Sessel und die Hülle des Albums. Ich setzte mich hin und hörte meistens von vorne bis hinten. Währenddessen las ich das Booklet: die Texte, die Namen der Musiker, die Danksagungen und all die kleinen Informationen rund um das Album. Am Gerät zeigte ein Display an, welcher Titel lief und wie viel Zeit vergangen war.
Es gab keinen Bildschirm, auf dem gleichzeitig Nachrichten eintrafen. Keine Anwendung wollte aktualisiert werden. Niemand schickte ein Foto, während gerade das beste Stück des Albums begann. Die Anlage ging nicht auf einmal kaputt. Zuerst funktionierten die Kassettendecks nicht mehr richtig.
Später wurde der CD-Player unzuverlässig. Der Lautstärkeregler kratzte oder ließ einen Kanal verschwinden, bis man ihn ein wenig hin und her bewegte. Gleichzeitig veränderte sich die Welt um sie herum. Im Internet gab es plötzlich mehr Musik, als irgendein Laden führen konnte. MP3-Dateien lagen auf Festplatten. Einzelne Stücke wurden wichtiger als ganze Alben.
Dann kamen YouTube, Smartphones und Anwendungen, in denen alles gleichzeitig verfügbar zu sein schien. Ich kaufte einen kleinen Bluetooth-Empfänger für die Anlage. So konnte die neue Musik weiter über die vertrauten Lautsprecher laufen. Technisch war das eine gute Lösung, nur kam die Musik nun aus dem Telefon.
Und ein Telefon bringt nie nur Musik mit.
Der iPod für später
Ich hatte verschiedene MP3-Player. Bei manchen gab irgendwann der Akku auf, bei anderen der Kopfhöreranschluss oder eine Taste. Einen Sony-Player mochte ich sehr, aber Sony hatte eine besondere Begabung für eigene Stecker, eigene Ladegeräte und Lösungen, die nur so lange praktisch waren, wie man nichts anderes anschließen wollte.
Am zufriedensten war ich mit meinem iPod Shuffle der vierten Generation. Er hatte kein Display, zeigte keine Albumcover und bot nicht genug Platz für eine große Bibliothek. Dafür funktionierte er zuverlässig und tut es bis heute. Auf dem Shuffle lagen einzelne Stücke, Remixe und kleine Perlen. Keine vollständigen Diskografien, keine sorgfältig sortierten Archive. Die Reihenfolge war nicht wichtig.
Für alles andere wollte ich einen iPod Classic. Er sollte meine CD-Sammlung in eine neue Zeit mitnehmen: viel Speicher, eine sichtbare Bibliothek, Albumcover und ein Gerät, das nur für Musik da war. Kein Telefon, das nebenbei noch Nachrichten, Videos und Aktualisierungen mitbrachte. Keine Software, die nach einem Update plötzlich anders aussah. Der Classic sollte der Nachfolger meiner Anlage werden, ohne selbst eine Anlage sein zu müssen.
Ich hatte ihn lange auf meiner Wunschliste, aber es war nie der richtige Moment. Ein neuer Computer war dringender. Dann ein Telefon. Dann ein anderes Gerät, das ersetzt oder aktualisiert werden musste. Der iPod konnte warten. Schließlich funktionierte die Musik auch ohne ihn.
Auf der Wunschliste war er schon fertig
Der Kauf wäre allerdings nur der Anfang gewesen. Jede CD hätte eingelesen werden müssen. Titel und Interpreten hätten kontrolliert, Schreibweisen verbessert und fehlende Cover gesucht werden müssen. Bei Samplern und Remixen wäre sofort Unordnung entstanden. Manche Alben hätten eine Entscheidung verlangt: Gehört das noch in die Sammlung oder nur zu einer früheren Version von mir?
Auf der Wunschliste war der iPod bereits fertig eingerichtet. Alle Alben waren darauf gespeichert. Die Cover waren vollständig. Jeder Titel stand am richtigen Platz. Meine gesamte Musik war gerettet, sortiert und jederzeit verfügbar.
In Wirklichkeit hätte ich zunächst einen leeren Speicher und ein ziemlich großes Projekt gekauft.
Als später vorbei war
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich bemerkte, dass Apple den iPod Classic nicht mehr normal verkaufte. Ich glaube, es war in einem Gespräch mit einem Freund, der ebenfalls vorhatte, einen zu kaufen. Wahrscheinlich sprachen wir noch über unsere Pläne, als das Gerät längst nicht mehr Teil von Apples Plänen war. Bis dahin hatte ich angenommen, ich könne ihn später kaufen.
Solange ein Produkt auf meiner Wunschliste gespeichert war, wirkte die Entscheidung nur vertagt. Das Bild und der Name waren noch da, also schien auch die Möglichkeit noch da zu sein. Irgendwann fand ich den Classic nur noch gebraucht, generalüberholt oder bei eBay. Dort sehe ich bis heute gelegentlich nach den Preisen, ohne dass daraus ein Kauf wird.
In der Zwischenzeit löste Spotify mein Problem. Ich musste keine CDs mehr einlesen, keine Titel korrigieren und keine Cover suchen. Ein Album, an das ich mich plötzlich erinnerte, war nach wenigen Sekunden zu hören. Musik brauchte keinen Platz mehr im Regal und keinen freien Abend zum Sortieren.
Spotify ist deshalb eines meiner wichtigsten Abonnements. Es wäre unehrlich, so zu tun, als wäre mir diese Art des Hörens aufgezwungen worden. Ich habe mich für sie entschieden, weil sie bequem ist. Wir haben uns daran gewöhnt, Musik nicht mehr zu haben.
Und ich weiß nicht, wann genau ich dem zugestimmt habe.
Die Schublade
Während der Pandemie räumte ich eine Schublade auf und fand meinen iPod Nano und den Shuffle. Auf dem Nano lagen noch Midnight Marauders und Beats, Rhymes & Life von A Tribe Called Quest, Illmatic von Nas, Blue Lines von Massive Attack, Musik von The Roots und Die Fantastischen Vier. Dazu verschiedene Remixe von „Tag am Meer“. Es war viel mehr darauf, als ich erwartet hatte.
Diese Musik musste nicht gesucht werden. Kein Algorithmus stellte mir eine ähnliche Auswahl zusammen. Sie war einfach noch dort, weil ich sie Jahre zuvor dort abgelegt hatte. Der Shuffle enthielt seine eigenen Perlen: einzelne Stücke und Remixe, die ohne feste Reihenfolge funktionieren sollten. Zwei kleine Geräte, zwei unterschiedliche Bibliotheken, beide von mir zusammengestellt – und ich hatte vergessen, dass ich Musik einmal so besessen hatte.
Nur Musik
Heute streame ich weiterhin vom Telefon. Vom ersten bis zum letzten Titel höre ich ein Album nur noch selten. Vielleicht würde ich den iPod Classic heute kaufen, ein paar Tage begeistert einrichten und danach doch wieder Spotify öffnen. Trotzdem sehe ich manchmal bei eBay nach. Ein Gerät, das nur eines kann.
Nicht mehr Musik.
Nur Musik.