Als der neue Kühlschrank kam, musste alles runter. Beim Putzen hatte ich die Magnete bisher einfach von der Tür an die rechte Seitenwand geschoben. Dort warteten sie, bis die Vorderseite sauber war, danach hängte ich sie wieder zurück. Diesmal funktionierte das nicht. Der alte Kühlschrank sollte verschwinden, also musste ich jeden Magneten einzeln abnehmen.
Zuerst stellte ich mir vor, dass sie in einen Teil einer Schublade passen würden. Vielleicht auch in eine kleine Plastiktüte. Auf der Arbeitsplatte sammelten sich Städte, Fahnen, Tiere, Flaschen, bemalte Landschaften und Sehenswürdigkeiten. Ich brauchte ein richtiges Gefäß.
In einem Schrank fand ich einen Schuhkarton von Nike SB. Ich legte die Magnete hinein, zuerst vorsichtig, dann einfach übereinander. Der Karton füllte sich schneller, als die Kühlschranktür es vermuten ließ. Auf der großen weißen Fläche hatten die einzelnen Magnete nie nach besonders viel ausgesehen. Als der erste Karton voll war, suchte ich nach einem zweiten.
Dabei fand ich noch einen Nike-SB-Karton. Auf dem weißen Etikett stand bereits „Magnete“. Offenbar hatte ich einen Teil der Sammlung schon früher aus dem Verkehr gezogen und anschließend vergessen, dass er existierte. Jetzt standen beide Kartons nebeneinander auf der Arbeitsplatte. Der eine war frisch gefüllt, der andere wartete bereits seit Jahren auf dieses Wiedersehen. Fast zwei Schuhkartons voller Kühlschrankmagnete.
Wozu braucht man das alles?
Einige Antworten lagen direkt obenauf. Drei Magnete sind gleichzeitig Flaschenöffner. Einer stammt aus Kroatien und trägt den Schriftzug „Life is better in Croatia“. Ein anderer kommt aus Irland und zeigt eine Bierflasche, deren Verschluss Flaschen öffnen kann. Diese Magnete dürfen sich zumindest auf eine Funktion berufen.
Andere besitzen kleine Klammern für Notizen. Einige sind stark genug, um ein ganzes DIN-A4-Blatt zu halten. Sie befestigen Einkaufslisten, Telefonnummern und Erinnerungen an Dinge, die längst hätten erledigt werden sollen. Der größte Teil kann allerdings nur am Kühlschrank hängen.
Beim Durchsehen bemerkte ich, dass viele dieser Magnete nicht einmal von meinen eigenen Reisen stammten. Freunde, Bekannte oder Familienmitglieder hatten sie mitgebracht. Aus Städten, in denen ich nie gewesen war, von Inseln, die ich nur aus ihren Erzählungen kannte, und aus Orten, deren Namen ich wahrscheinlich längst vergessen hätte, wenn sie nicht jahrelang an meiner Kühlschranktür gehangen hätten. Was schenkt man eigentlich, wenn man einen Kühlschrankmagneten schenkt?
Vielleicht: Ich habe im Urlaub an dich gedacht.
Vielleicht: Ich war dort.
Vielleicht: Du sammelst die doch.
Vielleicht auch nur: Ich wollte nicht mit leeren Händen zurückkommen, und im Souvenirladen war das die sicherste Entscheidung.
Ein Magnet ist dafür nahezu perfekt. Er ist klein, günstig und leicht zu transportieren. Man muss weder die Kleidergröße noch den Geschmack des Empfängers besonders gut kennen. Er wird nicht gegessen, verwelkt nicht und verlangt keine unmittelbare Begeisterung. Man nimmt ihn entgegen, bedankt sich und findet am Kühlschrank noch eine freie Stelle. Zumindest am Anfang.
Eine Sammlung, die sich selbst erklärt
Wenn mehrere Magnete nebeneinanderhängen, sehen sie irgendwann nicht mehr nach zufälligen Mitbringseln aus. Sie sehen nach einer Sammlung aus. Wer die Sammlung sieht, weiß beim nächsten Urlaub sofort, was er mitbringen kann. Ein weiterer Magnet passt schließlich zu den anderen. Er wirkt nicht beliebig, sondern beinahe aufmerksam gewählt.
Man hat sich gemerkt, was diese Person sammelt. Nur dass die Person vielleicht nie beschlossen hat, irgendetwas zu sammeln.
Man bekommt Magnete, weil man Magnete hat. Und man hat Magnete, weil man sie bekommen hat.
Genau deshalb wirft man die Magnete auch nicht einfach weg. Bei einem selbst gekauften Souvenir kann man irgendwann feststellen, dass die Erinnerung auch ohne bemalten Plastikfisch weiterexistiert. Bei einem Geschenk hängt zusätzlich der Moment der Übergabe daran.
Jemand hat es ausgesucht, transportiert und einem in die Hand gedrückt. Vielleicht war die Wahl nicht besonders kreativ. Vielleicht wurde sie in den letzten fünf Minuten vor der Abfahrt erledigt. Nett gemeint war sie trotzdem.
Der Gegenstand sagt:
„Ich habe an dich gedacht.“
Und etwas leiser:
„Jetzt musst du mich irgendwo aufhängen.“
Man bewertet beim Aussortieren plötzlich nicht mehr nur ein Stück Plastik, Metall, Gips oder bedruckte Folie. Man hat das Gefühl, auch über die Geste dahinter zu urteilen.
Der Magnet selbst kann nichts dafür, dass er nett gemeint war.
Was die Tür erzählt
Eine volle Kühlschranktür kann wie eine Trophäensammlung wirken, in der jeder Ort als erledigt markiert ist. Sie kann aber auch eine sterile Küche persönlicher machen. Zwischen glatten Schränken, weißen Flächen und Geräten aus Stahl hängt plötzlich ein schiefer Turm aus Pisa, eine irische Bierflasche oder eine kroatische Frau, deren BH Flaschen öffnet.
Bei anderen Leuten erkenne ich einen Ort, frage nach einer Reise und erfahre vielleicht etwas, das in keinem Reiseführer steht. Was hat sich gelohnt? Was war enttäuschend? Was hätte man beinahe übersehen? Manchmal sehe ich auch einen Ort, an dem ich selbst schon war, und kann fragen, ob die anderen dort etwas entdeckt haben, das mir entgangen ist.
Die Kühlschranktür zeigt, wo jemand war, was ihm wichtig ist, wer ihm etwas mitgebracht hat und welche Erinnerungen sichtbar bleiben dürfen. Manchmal verrät sie sogar, worüber man besser nicht sofort spricht. Ich finde diese Selbstdarstellung gelegentlich verdächtig und benutze sie gleichzeitig als Gesprächsanleitung.
Die neue Tür
Der neue Kühlschrank ist genauso hoch wie der alte, ungefähr 180 Zentimeter, aber nicht mehr weiß. Seine Oberfläche ist matt und dunkelgrau, wahrscheinlich Anthrazit. Nach Jahren voller Magnete konnte man plötzlich wieder den Kühlschrank selbst sehen. Ich hängte nur die drei Flaschenöffner und einige Magnete zurück, an denen ich tatsächlich hänge. Den Rest wischte ich ab, packte ihn in die beiden Kartons und brachte ihn auf den Dachboden.
Es gab keine feierliche Auswahl und keine ausführliche Diskussion darüber, welche Reisen, Orte oder Gesten wichtig genug waren, um unten zu bleiben. Die Kartons verschwanden einfach nach oben. Danach kam der Alltag, und niemand fand die Zeit, die Magnete noch einmal durchzusehen oder neu zu ordnen. Seitdem versuche ich, den Mechanismus nicht wieder in Gang zu setzen. Ich kaufe nicht mehr automatisch einen Magneten, nur weil ich irgendwo gewesen bin. Ich möchte auch nicht wieder bei zwei Schuhkartons ankommen und überrascht feststellen, dass aus ein paar kleinen Erinnerungen erneut eine Sammlung geworden ist.
Ganz leer ist der Kühlschrank trotzdem nicht. Die wenigen Magnete, die bleiben durften, sind inzwischen teilweise von DIN-A4-Blättern verdeckt. Darauf stehen Listen, Pläne und Aufforderungen an mich selbst.
Diesen Text schreiben.
Jenen Text fertigstellen.
Den Blog endlich weiterführen.
Während ich über diesen Text nachdachte, kamen Freunde aus Lugano zurück. Sie hatten mir etwas mitgebracht. Der neue Magnet liegt noch neben meinem Rechner.
Auf einem der DIN-A4-Blätter am Kühlschrank steht, dass ich diesen Text fertigschreiben soll.
Der Magnet muss noch warten.