Meine bessere Hälfte erkennt inzwischen schon am Geräusch, was ich gerade tue. Es raschelt. Nicht nach Leder, nicht nach gepolstertem Nylon und auch nicht nach einem Reißverschluss, der eigens für Ladegeräte, Kabel und Adapter entwickelt wurde. Es ist das Geräusch eines transparenten Beutels aus der Küche.
„Du packst deine Sachen schon wieder in Gefrierbeutel.“
So oder so ähnlich kommentiert sie es jedes Mal. Den genauen Wortlaut habe ich vergessen. Die Botschaft bleibt dieselbe: Es mangelt mir nicht an richtigen Taschen. Im Gegenteil.
Für jedes Ding die passende Tasche
Über die Jahre hat sich einiges angesammelt. Rucksäcke, Hüllen, kleine Etuis und Taschen für Kabel. Behälter für Dinge, die andere Behälter mit Strom versorgen. Für das Tablet gibt es einen Ständer, für das Telefon ebenfalls. Für den Laptop etwas, das den Bildschirm höher bringt.
Wenn das Trackpad irgendwann nervt, kommt eine Maus dazu. Für all das gibt es selbstverständlich auch Taschen. Manche davon waren Geschenke. Gut ausgesucht, schön verarbeitet, mit Schlaufen, Fächern und kleinen Netzen. Für jedes Kabel ist ein Platz vorgesehen. Beim Packen greife ich trotzdem fast immer zu einem transparenten Beutel mit Reißverschluss.
Ein Blick vor der Abfahrt
Einer dieser Beutel liegt meistens schon im Rucksack. Morgens muss ich deshalb kein vollständiges System neu aufbauen. Ich öffne den Rucksack, ziehe den Beutel ein Stück heraus und sehe nach, was darin liegt.
Das kleine Ladegerät, das stark genug für den Laptop ist. Ein zusätzliches USB-C-Kabel. Die Powerbank. Ein kleiner Ständer. Meine Logitech M590, weil sie leise klickt und ich nicht das ganze Büro an meiner Arbeit teilhaben lassen möchte.
Dazu kommen die Brille und der Badge. Bei der Brille reicht der Blick auf das Etui allerdings nicht.
Ein Etui kann so aussehen, als würde es eine Brille enthalten, auch wenn es leer ist.
Deshalb öffne ich es vor dem Losfahren meistens noch einmal. Je nachdem, was an diesem Tag ansteht, nehme ich etwas heraus oder lege etwas dazu. Der Rest der Kontrolle geschieht durch die Folie.
Ordnung ohne Anleitung
Die meisten richtigen Taschen sehen geschlossen ordentlich aus. Das ist vermutlich auch ihre Aufgabe. Kabel, Adapter und kleine Geräte verschwinden hinter Stoff und Reißverschlüssen, der Rucksack wirkt aufgeräumt und alles scheint seinen Platz zu haben.
Nur muss man die Tasche erst öffnen, um zu erfahren, ob dieser Platz tatsächlich besetzt ist. Beim transparenten Beutel genügt ein Blick. Ich sehe das Kabel, die Maus und die Powerbank. Ich erkenne, ob das Ladegerät unten in einer Ecke liegt oder wieder auf dem Schreibtisch geblieben ist.
Der Beutel beantwortet keine ästhetischen Fragen. Dafür beantwortet er sofort die wichtigste: Ist alles da?
In einer richtigen Kabeltasche kommt das längere Kabel hierhin, das kurze dorthin. Der Adapter unter das Netz, das Ladegerät unter die elastische Schlaufe. Wer sie richtig benutzt, wird mit einem ordentlichen Innenleben belohnt.
Der Beutel verlangt nur, dass nichts herausfällt. Er zeigt mir nicht, wie mein Zubehör sortiert sein sollte, sondern wie es gerade tatsächlich aussieht. Darin liegt nicht immer alles sauber nebeneinander. Manchmal wickelt sich ein Kabel um die Maus, die Powerbank rutscht nach unten und der Badge landet an einer Stelle, an der ich ihn nicht erwartet habe. Aber ich sehe ihn.
Wenn ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, transportiere ich den Beutel meistens in einer Tasche von Ortlieb. Sie schützt den Inhalt bereits zuverlässig vor Regen. Die Kabel und Geräte darin brauchen also keine zweite wasserdichte Schicht.
Dass sie trotzdem eine haben, beruhigt mich. Vielleicht gefällt mir der Gedanke, dass hinter dem wasserdichten Außenmaterial noch ein Reißverschluss wartet. Wahrscheinlicher ist aber, dass der Beutel mehrere kleine Probleme gleichzeitig löst: Er ist leicht, flexibel, schnell geöffnet und hat keine Meinung darüber, was hineingehört. Heute sind es Kabel, Maus und Ladegerät. Morgen Adapter und Powerbank, auf einer Reise vielleicht noch etwas anderes. Ich muss keine Schlaufe suchen, die zufällig genau die richtige Breite hat, und nichts in ein Fach drücken, das für ein etwas kleineres Netzteil entworfen wurde.
Ein System aus der Küchenschublade
Wenn ich einen frischen Beutel brauche, suche ich zuerst in der Schublade. Falls dort keiner liegt, gehe ich in die Küche. Spätestens an dieser Stelle wird verständlich, warum meine bessere Hälfte das System ein wenig seltsam findet. Sie hat mir über die Jahre mehrere schöne Hüllen und Taschen geschenkt.
Ich dagegen packe meine Computerausrüstung in etwas, das ebenso gut ein Sandwich enthalten könnte.
Im Büro ziehe ich die Maus zwischen Ladegerät und Kabel hervor. Das Rascheln gehört inzwischen genauso zum Auspacken wie der Griff nach dem Badge oder das Aufstellen des Laptops.
Die schönen Taschen
Manchmal sehe ich mir weiterhin neue Kabeltaschen an. Sie haben bessere Reißverschlüsse, weichere Innenflächen und durchdachte Fächer. Auf den Bildern liegt jedes Kabel in einer sauberen Kurve. Kein Stecker berührt einen anderen. Nichts raschelt.
Für einen Moment stelle ich mir vor, dass diesmal die richtige Tasche dabei ist. Eine, die dauerhaft im Rucksack bleibt. Eine, in der jeder Gegenstand seinen festen Platz bekommt. Dann denke ich an den transparenten Beutel. Er liegt wahrscheinlich bereits im Rucksack. Ich kann von außen sehen, ob das Ladegerät darin ist.
Vor der nächsten Fahrt werde ich ihn kurz hochheben, das Brillenetui öffnen und vielleicht noch ein Kabel dazulegen.
Die schönen Taschen bleiben in der Schublade.
Der Beutel raschelt schon.