Nicht bis morgen warten
Der Kurier kam genau dann, als ich nicht da war. Ich hätte bis zum nächsten Tag warten können. Stattdessen fuhr ich zum Abholpunkt und holte das Studio Display selbst ab. Das Paket landete auf dem Boden im Büro.
Zuerst war da nur der äußere Versandkarton: braune Wellpappe, dicke Wände, Klebeband und etwas Luft. Ein fabrikneuer Monitor wird nicht direkt in seiner eigentlichen Verpackung verschickt. Um sie herum liegt noch ein zusätzlicher Schutzkarton, der an jeder Seite ungefähr ein oder zwei Zentimeter dazugibt.
Ich zog an den Aufreißstreifen und zog den äußeren Karton herunter. Darunter stand der eigentliche Karton. Sauber, unbeschädigt, mit einem eigenen Tragegriff. Ein idealer Karton.
Dieses Geräusch
Die Verpackung hatte die typischen Aufreißlaschen. Man zieht daran, das Papier trennt sich sauber, und es entsteht dieses Geräusch. Ich vermute, man kennt es inzwischen auf jeder geografischen Breite.
Danach musste der Karton flach auf den Boden gelegt werden. Ich löste die Verschlüsse und klappte die Vorderseite nach unten. Mit dieser Bewegung öffneten sich auch die Seitenteile. Die hohe, geschlossene Verpackung wurde zu einer flachen, offenen Plattform.
Der Monitor musste nicht aus einem tiefen Karton nach oben gezogen werden. Er lag zugänglich vor mir und wurde von genau geformten Teilen aus gepresster Zellulose gehalten. Kein Styropor. Kein loses Plastik. Nur Karton, Papierstreifen und feste Formen aus recyceltem Material. Und viel Konstruktion.
Porsche-Fahrwerk aus Pappe
Apple hatte einen Karton mit der Ernsthaftigkeit konstruiert, mit der andere Firmen ein Porsche-Fahrwerk entwickeln. Nur eben aus Pappe.
Jedes Teil hatte seinen Platz. Die Formen hielten den Bildschirm fest, ohne dass ich zuerst mehrere Lagen Kunststoff entfernen musste. Die Seiten öffneten sich in der richtigen Reihenfolge. Der Monitor ließ sich herausnehmen, ohne ihn an einer ungünstigen Stelle greifen zu müssen.
Das war Overengineering. Aber es war Overengineering, das funktionierte.
Nachdem der Bildschirm draußen war, begann ich, mit dem leeren Karton herumzuspielen. Ich klappte die Teile auf und wieder zu und sah mir an, wie sie ineinandergreifen.
Mein erster Gedanke war nicht, dass die Verpackung schön war. Mein erster Gedanke war: Den behalte ich. Für einen späteren Transport gibt es wahrscheinlich nichts Besseres.
Die eigentliche Origami-Nummer
Der interessanteste Teil dieser Konstruktion zeigt sich nicht unbedingt beim Auspacken. Er zeigt sich in dem Moment, in dem man den Karton nicht mehr braucht.
Apple hat für die Verpackung eine eigene Anleitung zur Entsorgung. Mithilfe von Papierstreifen und vorgesehenen Verbindungen lässt sich die gesamte Konstruktion auseinandernehmen. Am Ende bleiben flache Teile übrig. Man braucht kein Messer, muss keine verklebten Schichten auseinanderreißen und nicht mit der Wellpappe kämpfen.
Ich habe die Anleitung gelesen.
Ausprobiert habe ich sie nicht.
Mein Karton ist noch vollständig.
Solange er dreidimensional bleibt, ist alles einfach. Der Monitor kann wieder hineingestellt werden, die Halterungen sitzen an der richtigen Stelle und die Seitenteile lassen sich schließen. Schwieriger wird es erst, wenn jemand die ökologische Funktion pflichtbewusst benutzt und den Karton komplett flachlegt.
Flachlegen kann ihn jeder. Für den Rückweg in die dritte Dimension braucht man dann entweder die Anleitung oder einen kleinen Doktortitel in Papieringenieurwesen.
Transportbereit auf dem Dachboden
Der Karton steht auf dem Dachboden. Vollständig aufgebaut und jederzeit bereit, das Studio Display wieder aufzunehmen.
75,2 Zentimeter breit, 49,3 Zentimeter hoch und 20,1 Zentimeter tief.
Wie viel Platz nimmt er ein?
So viel, wie er eben braucht.
Auf ihm stehen inzwischen andere Sachen. Er funktioniert also auch als Ablage.
Natürlich könnte ich ihn entsorgen. Der Monitor steht seit Langem auf dem Schreibtisch. Er ist kein neues Objekt mehr. Ich wecke ihn morgens mit der Leertaste, arbeite daran und denke nicht über seine Verpackung nach.
Aber der Karton löst weiterhin ein konkretes Problem. Ein großer, schwerer und empfindlicher Bildschirm lässt sich schlecht improvisiert transportieren. Decken, Luftpolsterfolie und irgendein Umzugskarton sind kein gleichwertiger Ersatz für eine Konstruktion, die genau für dieses Gerät gemacht wurde.
Ich bewahre also nicht einfach eine schöne Schachtel auf. Ich bewahre die beste verfügbare Transportverpackung für diesen Monitor auf. Dass sie aus Karton besteht, ändert daran nichts.
Apple ist so ökologisch, dass es Kunststoff durch Papierorigami ersetzt. Das Ergebnis: Statt den Karton zum Recycling zu bringen, lagere ich ihn jetzt jahrelang auf dem Dachboden.
Ich werfe ihn nicht weg.