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Die erstaunliche Karriere des dritten Stuhls

Über ein Möbelstück, das als Sitzgelegenheit beginnt, als Kleiderablage endet und zwischendurch erstaunlich viel über unseren Geschmack verrät.

Es gibt Stühle, auf denen man sitzt. Und es gibt Stühle, die eine andere Laufbahn einschlagen. Sie stehen im Schlafzimmer, im Flur, neben dem Bett oder in jener Ecke, die ursprünglich einmal frei bleiben sollte. Frei, ruhig, fast meditativ. Dann liegt eine Jeans darauf. Dann ein Pullover. Dann ein Hemd, das weder sauber genug für den Schrank noch schmutzig genug für die Wäsche ist.

Spätestens jetzt hat der Stuhl seine ursprüngliche Berufung hinter sich gelassen.

Er ist nicht mehr nur Möbel. Er ist Zwischenlager, Gewissenszone und textile Zwischenstation.

Fast jeder hat so einen Stuhl. Manche geben es zu. Andere behaupten, bei ihnen sei das „nur kurz abgelegt“. Das ist eine schöne Formulierung, weil sie Hoffnung enthält. Meistens unbegründete.

Der dritte Stuhl ist selten notwendig. Genau das macht ihn interessant.

Möbelsozialisation beginnt oft bei IKEA

Viele hatten irgendwann eine IKEA-Phase. Das ist kein Vorwurf. Das ist Möbelsozialisation.

Man kauft einen Stuhl, weil man einen Stuhl braucht. Oder weil man glaubt, dass man Besuch bekommt. Oder weil die erste Wohnung sonst aussieht wie ein sehr großes Wartezimmer. Der Stuhl ist praktisch, bezahlbar, sofort verständlich. Man weiß, was man bekommt. Und manchmal weiß es leider auch jeder andere.

Denn der Nachteil massentauglicher Möbel ist nicht unbedingt, dass sie schlecht sind. Der Nachteil ist, dass man ihnen ständig wiederbegegnet. Beim Abendessen bei Freunden. In der Ferienwohnung. Im Wartebereich einer Physiotherapiepraxis. Plötzlich sitzt man auf dem eigenen Küchenstuhl, nur an einem fremden Tisch.

Für manche ist das völlig egal. Für andere beginnt genau dort die Unruhe.

Denn wer einen gewissen Design-Fimmel entwickelt hat, sieht keinen Stuhl mehr unschuldig an. Aus vier Beinen, einer Sitzfläche und einer Lehne wird plötzlich eine Haltung. Man möchte nicht mehr einfach sitzen. Man möchte richtig sitzen. Oder wenigstens so, dass der Stuhl nicht aussieht, als hätte der Algorithmus ihn gleichzeitig an halb Europa empfohlen.

Jeder hat seine Wohn-Macken. Manche nennen es Geschmack.

Bei manchen beginnt es mit der Farbe.

Das Gelb ist zu gelb. Das Beige zu vernünftig. Das Schwarz zu streng. Das Weiß zu sehr Mietwohnung mit Ambitionen. Bei anderen ist es das Material. Holz ja, aber nicht dieses Holz. Stoff ja, aber nicht dieser Stoff. Leder vielleicht, aber bitte nicht so, dass es nach Konferenzraum und Wasserflasche ohne Etikett aussieht.

Und dann kommt die Stufe, auf der es wirklich ernst wird: die Polsterung.

Denn ein Stuhl mit der falschen Polsterung ist nicht einfach ein Stuhl mit der falschen Polsterung. Er ist ein leiser Hinweis darauf, dass man fast richtig entschieden hat. Fast. Dieses gefährliche Wort im Einrichtungsleben.

Also sucht man weiter.

Man vergleicht Sitzhöhen. Man liest über Gestelle. Man lernt Begriffe wie „geölte Eiche“, „Papercord“ und „Bouclé“, obwohl man früher ein Mensch war, der einen Stuhl für eine eher gelöste Angelegenheit hielt. Man zoomt in Produktbilder hinein, als könnte sich zwischen zwei Nähten die Wahrheit des eigenen Wohnstils verbergen.

Das sind keine Probleme. Das sind Einrichtungsspleens.

Und Einrichtungsspleens sind oft nur Geschmack, der etwas zu lange unbeaufsichtigt war.

Designstühle und die Religion namens Wohnkultur

Irgendwann wird aus dem Stuhl ein Bekenntnis.

Ein Designstuhl sagt nicht nur: Hier kann man sitzen. Er sagt: Hier wohnt jemand, der Dinge nicht zufällig besitzt. Jemand, der vermutlich weiß, warum diese Rückenlehne so aussieht. Jemand, der das Wort „zeitlos“ benutzt, ohne dabei sofort in sich hineinzulächeln.

Natürlich ist daran nicht alles lächerlich. Gute Stühle können wunderschön sein. Sie können einen Raum beruhigen, eine Haltung verbessern und jahrzehntelang bleiben.

Ein guter Stuhl ist kein Accessoire mit vier Beinen. Er ist ein stiller Begleiter.

Aber gerade deshalb eignet er sich hervorragend für kleine Statusmeldungen.

Das Auto steht draußen. Die Uhr verschwindet unter dem Ärmel. Der Stuhl aber steht mitten im Raum. Er muss nichts erklären, weil jeder ihn sieht. Und wer sich auskennt, erkennt ihn. Manchmal reicht eine Rückenlehne, und der Besuch weiß: Hier wurde nicht einfach eingerichtet. Hier wurde kuratiert.

Besonders in Wohnungen, in denen jedes Objekt so aussieht, als hätte es vorher ein sehr gutes Gespräch mit der Besitzerin geführt.

Das Problem mit dem Anderssein

Natürlich will niemand exakt das haben, was alle haben.

Also sucht man den Stuhl, der anders ist. Aber nicht zu anders. Besonders, aber nicht anstrengend. Auffällig, aber nicht laut. Designbewusst, aber bitte so, dass Gäste keine Angst haben, sich wirklich darauf zu setzen.

Das ist die große Kunst des dritten Stuhls: Er soll beiläufig wirken und trotzdem beweisen, dass nichts beiläufig war.

Manchmal gelingt das. Dann steht da ein Stuhl, der einem Raum Charakter gibt. Man legt nicht sofort Kleidung darauf, weil man noch Respekt hat.

Dieser Respekt hält ungefähr drei Wochen.

Dann kommt der erste Pullover.

Der Stuhl im Schlafzimmer

Der ehrlichste Stuhl steht nicht im Esszimmer. Er steht im Schlafzimmer.

Dort zeigt sich, was ein Möbelstück wirklich kann. Nicht in der Produktbeschreibung. Nicht im Showroom. Nicht auf dem perfekt ausgeleuchteten Bild, auf dem daneben zufällig ein Kunstband liegt, den noch nie jemand aufgeschlagen hat.

Im Schlafzimmer wird der Stuhl geprüft.

Kann er eine Hose tragen? Drei Hemden? Einen Schal, der eigentlich längst weggeräumt werden sollte? Kann er die moralische Grauzone zwischen „noch einmal tragbar“ und „lieber nicht mehr öffentlich“ aushalten?

Viele Stühle können das hervorragend.

Ein Stuhl, der nur schön ist, wird irgendwann nervös. Ein Stuhl, der auch Kleiderablage sein kann, hat das Leben verstanden.

Und irgendwann steht er wieder draußen

Nicht jeder dritte Stuhl bleibt für immer.

Manche überleben Umzüge nicht. Manche passen plötzlich nicht mehr zum neuen Boden. Manche verlieren gegen einen anderen Stuhl, der noch mehr nach der Person aussieht, die man inzwischen zu sein glaubt. Und manche stehen eines Tages unten auf der Straße, neben einem Regal, einer Lampe und einem Couchtisch, der auch einmal sehr vernünftig wirkte.

Dort beginnt vielleicht sein zweites Leben.

Ein Student nimmt ihn mit. Eine Nachbarin sieht Potenzial. Jemand sagt: Der ist doch eigentlich noch gut. Und plötzlich ist der Stuhl wieder, was er am Anfang war: eine Möglichkeit.

Vielleicht ist das die schönste Karriere eines Möbelstücks. Nicht neu bleiben. Nicht perfekt bleiben. Sondern immer wieder irgendwo gebraucht werden.

Auch wenn zwischendurch ein Pullover darauf liegt.

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