Mein EXPEDIT war das erste Möbelstück, das ich für meine erste eigene Wohnung kaufte. Zwei Reihen, vier Fächer, acht Quadrate. Damals wirkte das wie genau die richtige Anzahl: nicht zu groß, nicht zu klein und vor allem überzeugend.
Das Regal stand vor einer weißen Wand. Oben standen die Technics-Bausteine meiner Stereoanlage. In einer Ecke ein Ficus benjamina, daneben eine violette Pflanze, deren Blätter sich tagsüber öffneten und am Abend wieder schlossen. Zusammen sah das erstaunlich erwachsen aus, zumindest erwachsener als der Rest der Wohnung.
Auch die acht Fächer hatten zunächst klare Aufgaben. In einem standen Bücher, daneben Aktenordner. Ein weiteres gehörte den Schallplatten, das nächste Dokumenten und Dingen, die noch keinen besseren Platz gefunden hatten. Die vier unteren Fächer waren mit schwarzen DRÖNA-Boxen gefüllt. Es war ungefähr so viel Stauraum, wie ich damals brauchte, vielleicht sogar etwas mehr.
Was hinter Stoff verschwindet
Die DRÖNA-Boxen waren praktisch. Sie passten genau in die Fächer, hatten Griffe und ließen sich mit einer Bewegung herausziehen. Von außen sah jede gleich aus, unabhängig davon, was sich im Inneren befand. Wenn sich Besuch ankündigte, wanderte alles hinein, was gerade keinen festen Platz hatte. Kabel, Briefe, Kleinteile, eine Bedienungsanleitung, die vielleicht noch wichtig werden könnte. Wenn unerwartet die Gegensprechanlage klingelte, reichte oft eine freie DRÖNA, um den Raum innerhalb weniger Minuten deutlich ruhiger aussehen zu lassen.
Die Boxen waren groß genug, um fast alles aufzunehmen – und leider auch groß genug, damit fast alles darin verschwand. Manchmal blieb ein Gegenstand nur bis zum nächsten Tag dort. Manchmal einige Monate.
Und manchmal stellte sich irgendwann heraus, dass ich ihn offenbar gar nicht so dringend brauchte, wie ich beim Hineinwerfen noch geglaubt hatte. Von außen blieb währenddessen alles unverändert. Acht Quadrate, vier schwarze Flächen, eine weiße Wand.
Was lange genug aus dem Blickfeld verschwindet, muss sich seine Bedeutung später erst wieder verdienen.
Als ein Regal plötzlich verschwinden sollte
2014 kündigte IKEA an, EXPEDIT aus dem Sortiment zu nehmen. Für ein Möbelstück war die Reaktion bemerkenswert emotional. Besonders Menschen mit Schallplatten machten sich Sorgen. Die quadratischen Fächer hatten genau die richtige Größe, ganze Sammlungen standen seit Jahren darin, und plötzlich sollte dieses einfache Raster nicht mehr weitergebaut werden. Dann kam KALLAX.
Auf den ersten Blick war fast alles wie vorher. Die Fächer blieben quadratisch, Schallplatten passten weiterhin hinein, nur der äußere Rahmen war etwas schmaler geworden. Das Regal hatte gewissermaßen eine kleine Diät gemacht. Der Raum bekam ein paar Zentimeter zurück, ohne dafür auf eines der Fächer verzichten zu müssen. Mit KALLAX kamen bei gleichem Raster auch mehr Möglichkeiten hinzu: Türen, Schubladen, Einsätze, weitere Boxen und andere Oberflächen. Ein Fach musste nicht länger offen zeigen, was sich darin befand.
Noch einmal zwei mal vier
Später kamen weitere Regale hinzu: ein KALLAX mit zwei mal vier Fächern und ein kleineres mit eins mal vier. Inzwischen gab es mehr Bücher, mehr Dokumente und mehr Schallplatten. Die Bücher zogen in ein BILLY, Dokumente verschwanden hinter neuen Fronten oder in Schubladen.
Seine Modularität ist vielleicht auch der Grund, warum KALLAX so oft in den ersten eigenen Wohnungen auftaucht. Acht leere Fächer reichen bereits, um darin eine mögliche Sammlung zu sehen. Das Regal wächst nicht mit. Man kauft einfach noch eines.
Der alte EXPEDIT
Mein erster EXPEDIT steht noch immer in der Wohnung. Inzwischen trägt er einen 65-Zoll-Fernseher und die Soundbar. In den Fächern stehen unter anderem die wichtigsten Platten aus meiner kleinen Sammlung.
Eine seiner praktischsten Eigenschaften sieht man von vorne nicht. An der Rückseite habe ich eine Steckdosenleiste an einem der dicken Außenrahmen befestigt. Sie steht gerade so weit hervor, dass die DRÖNA-Box nicht zu weit nach hinten rutscht. Ziehe ich die Box heraus, habe ich sofort Zugriff auf alles, was sonst hinter dem Regal verschwindet. Ich kann Kabel aufwickeln, ausrollen, abziehen oder neu anschließen, ohne unter das Möbel kriechen zu müssen.
Auf dem Boden ist davon fast nichts zu sehen. Die Kabel liegen hinter dem Regal, die Steckdosenleiste bleibt erreichbar und die Box sitzt dort, wo sie sitzen soll. Es ist keine besonders elegante Konstruktion, aber sie funktioniert inzwischen so lange, dass sie wie eine vorgesehene Funktion des Möbels wirkt. Beim KALLAX fehlt mir manchmal genau dieser breite Rand. Allerdings steht er in einem anderen Zimmer und trägt keine Geräte mehr.
Eine Schallplatte aufzulegen ist etwas anderes, als auf dem Telefon einen Titel anzutippen. Man muss sie aus der Hülle ziehen, auflegen, umdrehen und irgendwann wieder zurückstellen.
Das Fach bewahrt nicht nur die Platten auf. Es hält auch die Möglichkeit bereit, dass ich all das tatsächlich tue.
Meine bessere Hälfte schlägt gelegentlich vor, den alten EXPEDIT zu ersetzen. Nach all den Jahren wäre das nicht völlig abwegig. Vielleicht ersetzen wir ihn tatsächlich irgendwann, spätestens wenn zu den vorhandenen Kratzern noch ein paar neue hinzukommen.
Bis dahin schaue ich auf die unteren Fächer und sage, dass wir zunächst die Boxen austauschen könnten. Oder Fronten einsetzen. Vielleicht die Aufteilung verändern.
Die Schallplatten selbst sehen schließlich gut aus. In den quadratischen Fächern könnte man sogar einzelne Albumcover nach vorne stellen und regelmäßig wechseln. Außerdem steht der Fernseher darauf genau auf der richtigen Höhe.
Und wo sollten sonst die Platten hin?